
Laudatio von Wolfgang Kellner zur Vernissage von Georg Willms 13.5.2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,
liebe Iris, lieber Wolfgang, liebe Familie Willms, liebe Marianne, lieber Fritz-Rudolf
Dass wir die Werke von Georg Willms heute in einer so intensiven Weise erleben dürfen, verdanken wir diesem besonderen Ort. Kunst braucht einen Raum, in dem sie atmen kann – und die Kunstscheune in Jemgumgaste bietet genau dieses Resonanzfeld,
die Verbindung von Architektur, Natur und Kunst – ist genau das, was Georg Willms verkörperte.
Wir kommen heute hier zusammen, um das Werk eines Mannes zu feiern, der das Gesicht von Leer als Architekt nicht nur mit Steinen, sondern vor allem mit Charakter geprägt hat.
Herzlich willkommen zur Ausstellung von Georg Willms, der leider nicht mehr unter uns ist. Wie er mir vor wenigen Wochen versicherte, wollte er das Panorama seines künstlerischen Lebens auf jeden Fall hier in der Kunstscheune präsentiert haben.
Das erste Mal sah ich die Kunst von Georg Willms im ehemaligen legendären Taraxacum in der Altstadt von Leer. Das war um 1993. Ein überdimensionaler aus Holz gehauener Kopf blickte alle Gäste an. Wenn man nach dem Künstler fragte, bekam man die Antwort: Architekt Georg Willms.
1949 geboren in Leer. Aufgewachsen am rechten Ems-Ufer in Hohegaste, heute ein Ortsteil von Leer, wo sein Elternhaus direkt am Deich stand, dort, wo jetzt der Autobahntunnel die Ems an der Leeraner Seite unterquert. Das unmittelbare Erleben dieser Flusslandschaft war sicher prägend für immer.
1976 -1979 Studium der Architektur in Oldenburg
Seit 1989 Holzskulpturen, Graphik, Bilder, Zeichnungen, Porträts, Metallarbeiten
Seit 1999 Mitglied BBK Ostfriesland
Schon in den 1980er Jahren, gleich nach dem Studium, begann er mit Bleistiftzeichnungen.
Die erste Ausstellung hatte Georg 1992 in der Galerie Schlieper in Neustadtgödens in der ehemaligen Synagoge.
Dann folgten viele andere von Leer über Bremen bis Hamburg, aber auch in den Niederlanden auf Ameland und in Paris 1997.
Georg Willms war fest in seiner Geburtsstadt Leer verankert.
• Mit Werken wie dem Nepptunkopf am Hafen in Leer prägt er das Stadtbild.
• Oder mit den beiden überlebensgroßen Holzfiguren in der HeisfelderStr. vor der Steuerkanzlei Bartels
• In seinem Gewölbekeller an der Ledastraße machte er bis 2023 Kunst für die Bürger im Alltag erlebbar.
Architektur/ Werke
Besonders mit der Altstadt von Leer war er als Architekt eng verbunden. Für Günther und Lore Prahm hat er viele Altstadthäuser, übrigens auch in Weener, vor dem Verfall gerettet und mit neuem Leben gefüllt. An diesen Häusern ist eine Initiale von Günter Prahm zusehen – das „P“. Eigentlich müsste daneben auch ein „W“ stehen.
Ich habe es einmal selbst erlebt, als Günter Prahm sagte: Georg, kann du mal eben eine Zeichnung machen. Da ging es nicht um das Einzeichnen von Türöffnungen in einen Grundriss, sondern um dreidimensionale Ansichten vom Innern des geplanten Hauses. Und das konnte Georg perfekt.
Durch seinen Vater, der Zimmermann war, war sicherlich in seinem Schaffen die Arbeit mit unterschiedlichen Holzarten vorgeprägt.
Dieses Material ist lebendig, es erzählt seine eigene Geschichte
Er benutzt dabei die typischen Zimmermannswerkzeuge wie dabei Axt Sägen, Raspeln, Dexel, Schnitzmesser, Schleifer, Beitel.
Aber der Beruf des Architekten lässt sich als Künstler nie ganz abschütteln. Wenn wir die Arbeiten von Georg Willms betrachten, sehen wir zusätzlich zur reinen Ästhetik die Kreativität eines Mannes, der gelernt hat, Räume zu denken. Als Architekt kennt er Statik, Struktur und Proportion, der Funktion folgend.
Georg Willms hat in der Kunst die Freiheit gefunden, die „Seele der Räume“ zu erkunden. Das ist das unsichtbare, feste Gerüst für seine lebendig wirkenden Skulpturen.
Georg hatte aber auch immer wieder den Mut zu Neuem, so verarbeitete er später Stahl mit der Lasertechnik.
Und, mit einem Augenzwinkern, ist er auch Erfinder des TTT. Diese Buchstaben stehen für seine „Tapeten -Tisch-Triptychons“.
Seine Werke werden manchmal als "hintersinnig" beschrieben, was auf eine tiefere, oft auch humorvolle oder kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen hindeutet.
Dieser Humor, dieser Hintersinn, war in jedem Gespräch mit ihm zu spüren.
Man hat schon Vergleiche seiner Kunst mit anderen Künstlern oder Kunstwerken angestellt. Ich erspare mir das. Georg Willms war und ist ein Unikat.
Ein Zitat von Georg Willms: „Das Schöne an der Kunst ist das Machen“, also der spontane Weg zum künstlerischen Ausdruck, der Arbeitsprozess, das war wichtig für ihn. Und das hat er sicher mit vielen Kunstschaffenden gemein.
Eine kleine Anekdote am Rande: Einst sagte der weltbekannte Leeraner Staudenzüchter Ernst Pagels zu mir: Ich züchte keine Pflanzen, ich finde sie. Ich meine, das kann man durchaus auf Georg Willms anwenden: Er fand seine Kunstwerke im Machen. Das ist das Besondere an seinem Schaffen.
2. Motive
In seinem künstlerischen Schaffen stellt Georg Willms den Menschen in den Mittelpunkt. Seine Hauptmotive sind Köpfe und Figuren, die oft in einer reduzierten, aber charakterstarken Formensprache dargestellt werden.
Aber auch Boote spielen eine große Rolle, sicher seinem Leben in der Flusslandschaft zu verdanken.
POP-Art
Seine farbigen Arbeiten auf Sperrholzplatten sind Ausdruck von Lebensfreude und einem humorvollen Blick auf die Alltagswelt. Sie sind ein spannendes Spiel mit Farbe, Collagen und Texten. Ein zweiter Blick erschließt den tieferen Sinn dieser Werke.
Die Leichtigkeit: Die Telefonskizzen
Ein faszinierender Einstieg in seine Gedankenwelt sind die sogenannten Telefonskizzen. Wir alle kennen das: Während eines Telefonats beginnt die Hand wie von selbst zu wandern. Auf kleinen Zetteln, Briefumschlägen oder Zeitungsrändern entstehen Linien, Strukturen und Gesichter. Bei Georg Willms sind diese Zeichnungen jedoch kein bloßes „Nebenbei“. Hier regiert das Unterbewusstsein. Diese Skizzen sind der Ursprung vieler Formen – ein schneller, ehrlicher Dialog zwischen Hand und Kopf, bei dem die fachliche Strenge der puren Spielfreude weicht und oft mit Wortwitz und sarkastischem Humor gepaart ist.
Ein Gegenpol:
Seine Holzschnitte und Holzfiguren haben meistens keine glattpolierten Oberflächen; sie sind Zeugnisse eines Dialogs zwischen dem Künstler und dem gewachsenen Werkstoff.
Er nutzt auch Holzplatten als Bildträger, was seinen Werken eine raue und erdige Qualität verleiht.
Eine Besonderheit ist das archaische Erbe der Mooreiche, das er für seine Arbeiten nutzte.
Dieses Material ist „konservierte Zeit“ – über Jahrtausende im Schlick der Ems, z.B. bei den Ausschachtungsarbeiten für den Emstunnel oder im Moor gereift, tiefschwarz und von fast steinernem Charakter.
Georg Willms nähert sich diesem archaischen Material. Er respektiert die Risse, die tausend Jahre gezeichnet haben. Er arbeitet Figuren heraus, die wirken, als wären sie schon immer dort verborgen gewesen. Es ist seine Weise, mit der Geschichte und der Eigenart unserer Landschaft umzugehen.
Der kritische Bruch: Holz und Stacheldraht
Doch Georg Willms verharrt nicht in der reinen Harmonie der Natur, in der sogenannten „heilen Welt“. Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf die Werke lenken, in denen er das organische Holz mit Stacheldraht verbindet. Dieser Kontrast ist von fast physischer Wucht. Der kalte, aggressive Stahl wirkt wie eine Dornenkrone der Moderne. Er schützt die Figur vielleicht, aber er isoliert sie auch. Hier zeigt sich Georg Willms als Mahner: Er nutzt den Stacheldraht, um Grenzen, Widerstand und Verletzungen sichtbar zu machen. Es ist die „Architektur der Ausgrenzung“, die er hier künstlerisch darstellt.
Nicht ohne Grund ist der Vortrag von Katrin Himmler am 20. Mai eingebettet in diese Ausstellung.
Wenn wir diese tiefschwarzen, archaischen Mooreiche-Figuren neben seinen flüchtigen, hellen Telefonskizzen sehen, erkennen wir die Spannbreite seines Schaffens: Vom archaischen Material bis zur schnellen Telefonskizze. Hier wird der ganze Mensch Georg Willms sichtbar.
Einige persönliche Worte über Georg Willms
Man sagt, ein Architekt baut Häuser für die Menschen, aber ein Künstler baut Räume für deren Seelen. In seiner jahrelangen Arbeit im historischen Gewölbekeller in Leer haben wir das bei jeder Ausstellung gesehen und in jedem dieser Werke spüren wir genau das: Er gab dem Flüchtigen einer Telefonskizze ein Zuhause und der archaischen Wucht der Mooreiche eine Stimme. Sein Werk ist nicht glatt, manchmal unbequem, wie der Stacheldraht, der uns auf Abstand hält. Aber es ist immer ehrlich. Wir verdanken ihm eine besondere Sicht auf die Welt.
Besonders freute mich die Entscheidung von Georg mit mir ein gemeinsames Projekt zu gestalten.Wir wollen die Schicksalsjahre der Leeraner Synagoge von 1885 bis 1938 beschreiben. Er schrieb und zeichnete bis zuletzt daran. Ich möchte dieses Projekt in unserer beiderNamen zum Abschluss bringen. Damit würde sich der Kreis seit seiner ersten Ausstellung in einer ehemaligen Synagoge vor fast einem Vierteljahrhundert schließen.
Das Fazit
Bevor Georg Willms sich vollständig der Kunst widmete, war er als Architekt tätig. Diese fachliche Herkunft ist in seinem künstlerischen Schaffen allgegenwärtig. Seine Werke zeichnen sich oft durch eine präzise Struktur und ein tiefes Verständnis für Raum und Material aus. Die Erfahrung als Architekt ermöglicht es ihm, Kunst nicht nur als Dekoration, sondern als integrativen Bestandteil des baulichen und gesellschaftlichen Raums zu begreifen.
Liebe Kunstinteressierte, ich lade Sie nun ein: Gehen Sie auf Entdeckungsreise zwischen der Leichtigkeit der Skizze und der Festigheitdes Holzes und des Stahls. Entdecken Sie die Spuren der Werkzeuge und vielleicht auch ein Stück von sich selbst in diesen Figuren.
Die Kunstwerke können sie erwerben und täglich zuhause mit ihnen in einen Dialog eintreten. In der Zeit der flüchtigen Handyfotos haben diese Kunstwerke eine Tiefe, die wir oft vermissen.
Sprechen sie einfach Iris Gess an, die die roten Punkte bereithält.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!
(Wolfgang Kellner)
Die Ausstellung ist hiermit offiziell eröffnet!